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Die perfekte Balance

Hohe Leistungsmotivation ist eine wichtige Grundlage für beruflichen Erfolg. Gewissenhafte und ehrgeizige Menschen, die einen stabilen Glauben an die eigene Wirksamkeit haben, sind auch arbeitszufriedener, so die Forschung. Die innere Motivation aus der Tätigkeit an sich, verbunden mit Stolz und Selbstanerkennung, ist stärker als jede äußere Belohnung. Kein Wunder also, dem Streben nach Erfolg eine „perfekte“ Note zu verleihen. Das Perfekt-sein-Wollen hat aber eine Schattenseite. Spätestens dann, wenn die Erfolgsspirale zum Hamsterrad mutiert – mit einer Eigendynamik, die nicht selten erst in der Burnout-Spitze erkannt wird. Perfektionisten mit Burnout erkennt man daran, dass diese nach der erzwungenen Regeneration rasch zurück wollen zum Funktionieren. Sie werden nie fertig, weil es immer etwas gibt, was getan werden muss, bevor man wirklich fertig ist. Nein, fertig sind sie nie, Ausruhen ist Zeitverschwendung. Sie laufen ihren Ansprüchen hinterher, Ansprüchen an Genauigkeit und Optimum. Sie laufen schnell oder langsam, je nach Ehrgeiz- oder Kontrollantrieb. Ein Kreislauf von Überanstrengung und Erschöpfung statt einer gesunden Balance von Anstrengung und Erholung.

Wissenschaftlich gesehen hat Perfektionismus mehrere Dimensionen – Motivierung und Optimierung, Selbstkritik und Selbstkontrolle. „Funktionaler“, angemessener Perfektionismus mit ausgeprägten Leistungsstandards verfolgt anspruchsvolle Ziele bei guter Arbeitsorganisation und Selbstmotivation. Diese Form des Perfektionismus strengt zwar herausfordernd an, wirkt aber nicht zuletzt durch das Gegengewicht von Auszeiten und Entspannung so, dass der Ball auch mal flach gehalten werden kann. Gesundes Leistungsstreben erkennt man an der Schwestertugend Gelassenheit. Der Problempart des Leistungsstrebens ist der dysfunktionale, für den Betroffenen wie auch das Umfeld schädliche Perfektionismus, da aus Kontrolle quälende Überkontrolle wird, aus Ehrgeiz narzisstische Überschätzung. Folgen sind Stress, Versagensängste, Erschöpfungsdepression und psychosomatische Krankheiten. Blickt man in die Kindheit, trifft man oft auf hohe elterliche Leistungsstandards bei geringer leistungsunabhängiger Zuwendung. Das Vertrackte ist, dass der Perfektionismus lange Zeit durchaus positiv weil eben erfolgreich und endlich auch belohnend erlebt wird. Zum eigentlichen Problem wird das anerkennungshungrige Streben, wenn die Qualitäts- und Quantitätsmaßstäbe maßlos werden oder an äußere Grenzen stoßen. Berufliche einschneidende Veränderungen wie etwa plötzliche Führungsverantwortung oder betriebliche Umstrukturierungen, ausbleibende Anerkennung von oben oder gar Degradierung können dann die bisherigen Leistungsmuster kippen lassen. Frustrierend wird es vor allem, wenn keine „Live-Balance“ vorhanden ist, sprich keine Gegengewichte durch Hobbyinteressen oder positives Sozialleben etwa.

Da werden dann fast schon die Gegenpole des Perfektionismus zur Tugend mit ihren Kontemplationszonen, Langschläfersofas und Lieber-morgen-Qualitäten. Sind wir nicht alle ein bisschen faul oder träumen davon, wenn wir neidisch auf Könner des Liegen-Lassens schielen? Etwa 20 Prozent der Erwachsenen in Deutschland perfektionieren mit mehr oder weniger Leidensdruck das Gegenteil von Leistungsoptimierung, nämlich die Aufschieberitis oder Procrastination. Ein zum letzten Jahreswechsel vielfach geteilter Tweet lautete: „Mein Ziel für 2015 ist, die Ziele von 2014 zu erreichen, welche ich in 2013 hätte erfüllen sollen, weil ich es mir 2012 vorgenommen habe.“ Unterscheiden muss man jedoch zwei Formen der Procrastination: Zum Einen die leistungsresignierende Folge des „Zu-viel-Wollens“ – eng verwandt mit den hohen Ansprüchen des Perfektionismus. Zum Anderen die Aufschieberitis im geläufigen Sinne, das „Nicht-erledigen-Wollen“, weil es für den aus Natur bequemen Betroffenen einfach nicht erstrebenswert ist. Eine Unterform, die sogenannten Lifestyle-Aufschieber, brauchen gar den Kick des Hinauszögerns und werden erst durch das Adrenalin der letzten Minute so richtig aktiv. Verstärkend wirken zudem kurzfristige Ablenkungsmöglichkeiten und freie Zeiteinteilung („Studentensyndrom“). Gesund ist auch das nicht, da verschiedene Studien auf eine Häufung an Erkältungen und Schlafstörungen verweisen.

Der erste Schritt der Änderung, ob nun bei Perfektionismus oder Procrastination, liegt im Erkennen der Entstehung. Der zweite Schritt sollte ein Verständnis sein – eine Akzeptanz für die Ambivalenz aus Nützlichkeit und Nachteilen perfektionistischer bzw. procrastinierender Tendenzen. Der gut gemeinte Rat, lockerer oder auch zielstrebiger zu werden, führt sonst zu gegenteiligen Effekten, da der „tiefere Sinn“ der janusköpfigen Verhaltensmuster nicht gewürdigt werden. Man sollte eben nie den Ast absägen, auf dem man sitzt. Es braucht vielmehr im dritten Schritt eine würdigende Analyse der aktuellen Zusammenhänge, die das Problem aufrechterhalten (z.B. die genannten Belohnungs- oder Vermeidungseffekte). Es gibt nichts Gutes, außer man tut es – also heißt das Veränderungsmotto nicht: „erkannt und gebannt“ – sondern: „erkennen und (in kleinen Schritten) ändern“. Für Perfektionisten liegen die Möglichkeiten in positiven Erfahrungen von Erholen und Genießen und vor allem einer Haltung des Erlaubens als Puffer gegen „Mussturbationen“. Selbstverantwortung heißt hier Selbstfürsorge und Nachsicht. Bei den Aufschiebern heißt dies besser Selbstdisziplin und Ehrlichkeit. Dort zählt vielmehr das aktive Überwinden: Hilfreich sind Startsignale und Deadlines, To-Do-Listen mit Teilbelohnungen und auch eine anspornende Gesellschaft für den Bummler (damit dieser nicht so schnell auf faule Gedanken kommt). Ob lockerndes Dürfen oder überwindendes Sollen – das Geheimnis der persönlichen Entwicklung liegt in einer gesunden Selbstverantwortung, geprägt aus Selbstwirksamkeit und Selbstfürsorge.

Was letztlich zählt, ist ein souveräner Umgang mit unpassenden Selbstanforderungen. Wohlbefinden und Engagement sind keine Gegensätze, ebensowenig wie Lebenssinn und Leistungserfolg. Die Positive Psychologie und der Acceptance-Commitment-Ansatz liefern ressourcennahe, lebens- und selbstwertorientierte Sichtweisen und wirksame Instrumentarien (Akzeptanz und Achtsamkeit) gegen ein Zuviel oder ein Zuwenig. Fast schon banal ist ein Motto, das gleichermaßen für Perfektionisten wie für Procrastinierer gilt: Die richtige Balance finden. Erfolg bleibt dabei nicht auf der Strecke, sondern ist nachhaltig.

Jörg Pscherer